Eine Hand, die gibt

 

 

Kling, ling, ling, ling, ling, ..... . Das Christkind! Das Christkind kommt. Wir Kinder (Valeria, Carmen und ich) standen wie gelähmt im Stall. Unser Vater fütterte gerade die Kühe, die kleinen Kälber und die Schweine. Und irgendwie sah es so aus, als ob sich die Tiere das Fressen an diesem Abend besonders schmecken lassen würden. Naja, kein Wunder, dachten wir uns, die wissen auch, dass das Christkind heute kommt. 

 

Kling, ling, ling, ...... . Wir rannten durch den Stall, durch die Bruck durch, rein in die Küche (die Mutter kochte gerade das Weihnachtsessen am Holzherd), durch die Küche durch in die Stube, dort sofort mit den schmutzigen Schuhen auf die Bank beim Fenster, gaben den Vorhang ein Stück beiseite und schauten hinaus.

 

Es war tiefster Winter. Ein Winter, wie man ihn heute bei uns nicht mehr kennt. Früher war oft den ganzen Winter das Fenster in der Küche zugeschneit. Man sah durch das Küchenfenster den ersten Schnee kommen und oft erst wieder hinaus, wenn die ersten Blumen auf der Wiese vor dem Haus aus der Erde sprießten.

 

Wie gesagt, an diesem Abend war tiefster Winter. Es war schon dunkel, aber man konnte sehr gut sehen, dass es dicke, große, weiße Schneeflocken vom Himmel schneite. Millionen von dicken, großen, weißen Schneeflocken rieselten auf den schon Meter hoch liegenden Schnee herunter.

 

Und wir konnten auch sehen - das ist nicht das Christkind. Wir Kinder sahen ein großes schwarzes Pferd (der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass dieses Pferd nicht aus dem Reitstall in Pellendorf kam), das einen Schneepflug zog. Einen ganz einfachen Pflug. Einfach zwei Bretter, die pflugförmig aufeinander zuliefen, mit einem Metall verstärkt. Auf den beiden Brettern war ein dickes Brett angebracht, auf dem der Mann hinter dem Pferd saß. Der Mann war ziemlich klein, hatte einen Hut auf und war schon komplett zugeschneit. Fast wie ein Schneemann. Er schien auch wie angefroren zu sein. Er hatte die Zügel des Pferdes fest in der Hand und erzählte dem Pferd irgendwelche Geschichten. Und sagte ihm auch immer wieder, wie schön und brav es sei. Wir konnten das gut hören. Wir hörten das trotz der Glocken, die das Pferd an den Füßen trug. Kling, ling, ling, ling, .... . 

 

Das Pferd hieß Bella. Wir kannten es gut. Jeden Morgen, bevor wir zur Schule gingen, räumte Jocka Marte – so hieß der Mann – mit seiner Bella und dem Schneepflug den neu gefallenen Schnee beiseite. Und am Abend genau dasselbe. Meistens zur Zeit des Abendessens. Ab und zu durfte jedes von uns Kindern mit einer Karotte oder mit ein paar Würfelzucker vor dem Haus im tiefen Schnee warten, bis Bella vorbeikam. Jocka Marte machte dann: “Brrrrr“ und Bella blieb stehen. Sie war ein großes Pferd. Weit über uns sahen wir ihren Kopf. Der kam dann herunter, und fraß das, was wir in den Händen hatten. Das war toll. Der warme Hauch des Pferdes, die kitzligen, meistens mit Eis bedeckten Haare an der weiche Schnauze. All das auf unseren steifgefrorenen Kinderhändchen. 

 

Mittlerweile hatte die Mutter den Tisch gedeckt. Jedes Jahr zu Weihnachten stand eine weiße Kerze auf dem Tisch. Im Eck der Stube – gegenüber dem Kachelofen – stand der Christbaum. Eine ganz einfache Tanne, die wir selbst aus dem Wald geholt haben, ganz einfach geschmückt. Ein paar Kugeln, ein paar Tannenzapfen aus Metall, ganz wenig Lametta. Keine Süßigkeiten.

 

Und jedes Jahr gab es bei uns dasselbe Weihnachtsessen. Zuerst eine gute warme Suppe, dann angebratene, weiße Würste mit gerösteten Kartoffeln und Kartoffelsalat. Auch wenn andere Familien meistens Wiener Schnitzel zu Weihnachten aßen, für mich war unser Weihnachtsessen einfach wunderschön. Noch heute, wenn ich irgendwo angebratene, weiße Würste rieche, wird mir ganz warm ums Herz. So warm, wie damals in der Stube an den Weihnachtsabenden.

 

Nach dem Essen gab es dann Bescherung. Da gab es Orangen, Mandarinen, Nüsse, Äpfel. Äpfel, die man im Herbst selbst von den Bäumen geholt und in den Keller getragen, aber irgendwie vergessen hatte, dass sie dort lagen. Und obwohl man die Äpfel irgendwie kannte, war es immer wunderschön, sie am Heiligen Abend geschenkt zu bekommen. Zu diesen Weihnachten bekam ich auch ein paar von der Mutter gestrickte Socken und ein paar warme Handschuhe. Mein Vater – an das erinnere ich mich heute noch ganz genau - hat sie mir mit seinen großen Händen in meine kleinen gelegt.

 

Später gab es Kekse. Man muß sich das so vorstellen. Einmal im Jahr, für wenige Tage: Kekse. Aus ganz einfachem Mürbteig, nur ein paar waren mit farbigem Zuckerstreusel bedeckt.  Wir alle saßen um den Tisch, um die Keksschüssel. Für uns Kinder war das wie der Himmel auf Erden. Plötzlich faßte mein Vater mit seinen großen Händen in die Schüssel mit den Keksen, nahm den Großteil raus und sagte: „Rudi, gehst Du mit mir in den Stall und gibst den Kühen die Kekse? Die sollen auch merken, dass Weihnachten ist.“

 

Es hat nur ein paar Sekunden gedauert, schon sind sie geflossen, die großen Tränen. Über meine Wangen. Und ganz tief drinnen, in meinem Herzen hat es sehr weh getan. Warum nimmt man mir meine Kekse weg?

 

Ich bin trotzdem mit in den Stall gegangen. Nachdem mir mein Vater seine Enttäuschung darüber gezeigt hat, dass wir so viele schöne Sachen bekommen hatten und nun nicht bereit waren, ein paar Kekse mit den Kühen zu teilen.

 

Das Licht im Stall hat – wie jedes Jahr zu Weihnachten – noch vom Füttern her gebrannt, die Kühe und die Kälber haben uns trotzdem ganz verwirrt angeschaut, so unter dem Motto: Was macht ihr noch hier. Mein Vater hat die großen Kühe, ich die kleinen Kälbchen mit Keksen gefüttert. Und obwohl ich die Kälbchen nur ganz verschwommen sehen konnte, ich hatte einfach noch zu viele Tränen in meinen Augen, habe ich plötzlich mitbekommen, dass das kleine Kälbchen einen richtigen Spaß an meinen Keksen hatte, sie richtig genüßlich fraß. Und so groß wie mir vorhin die Hand meines Vaters beim Überreichen der Geschenke in meine Hand schien, so groß kam mir jetzt meine Hand im Gegensatz zum Maul des kleinen Kälbchens vor. Mir ist – und ich war ein kleiner Bub – plötzlich klar geworden, dass dieses kleine Kälbchen meine Kekse so dringend brauchte, eine solche Freude an ihnen hatte, wie ich an meinen Geschenke aus der Hand der Eltern.

 

Ich hatte gerade das letzte Keks an ein Kälbchen verfüttert, da hörte ich plötzlich ein lautes Läuten von Glocken, welches von draußen schnell näher kam. Ich kannte diese Glocken. Es waren die Fußglocken von Bella. Jocka Marte hatte nämlich die Angewohnheit, nach getaner Arbeit – also dann, wenn er allen Schnee weggeräumt hatte - bei unserem Nachbarn einzukehren und stundenlang mit ihm Most zu trinken und zu reden. Bella hat er in der Zwischenzeit immer vor dem Haus des Nachbarn mit einer waren Pferdedecke zudeckt und vor dem Haus abgestellt. Bella erinnerte sich aber immer an uns Kindern, die wir sie ab und zu fütterten. Kaum hat Jocka Marte die Haustür bei unserem Nachbarn nämlich zugemacht, machte Bella am Stand kehrt und ist in vollem Galopp zu unserem Haus gerannt. Da hat sie stets mit ihrem Vorderhuf an unsere Haustür geschlagen und so auf sich aufmerksam gemacht. Das hat sie jeden Abend gemacht. Jocka Marte wußte immer, wo er seine Bella abholen konnte, nämlich vor unserer Tür.

 

An diesem Abend bin ich zuerst in die Stube gegangen und habe ein paar Kekse geholt. Dann haben wir die Haustür geöffnet. Draußen war es bitter kalt. Der Schneepflug hinter Bella war komplett verdreht, die Pferdedecke hing nur noch an einem kleinen Zipfel an ihr herunter. So schnell ist sie gerannt. Die Eingangstür unseres Hauses war so niedrig, dass wir den Kopf von Bella nicht sehen konnten. Aber er kam auch diesmal zu uns herunter und ich erinnere mich noch gut an den Hauch, der aus ihren Nüstern kam. So kalt war es. Wir Kinder haben sie mit unseren Keksen gefüttert und dabei eine irrsinnige Freude gehabt. Zum Schluß hat unser Vater den Schneepflug wieder in die richtige Position gebracht und Bella zugedeckt.

 

Bevor wir Kinder ins Bett mußten, habe ich nochmals die Tür geöffnet und rausgeschaut. Es fielen noch immer dicke, große, weiße Schneeflocken vom Himmel. Bella war schon so gut wie zugeschneit. Sie ist ganz ruhig dagestanden und hat auf Jocka Marte gewartet.

 

Im Bett sind mir noch lange Zeit viele Dinge durch den Kopf gegangen. Unter anderem, dass diese Weihnachten  bis zu diesem Zeitpunkt meine schönsten waren. Denn ich hatte gelernt, dass Hände nicht nur zum Nehmen, sondern auch zum Geben da sind. Und es sollte noch viele Jahre dauern, bis mir ein weiser Mann einen Satz für das gesagt hat, was ich damals zu fühlen lernte. „Eine Hand die gibt, wird niemals leer sein.“

 

An das sollten wir alle immer denken, vor allem aber zu Weihnachten.

 

 

Rudolf Patschg

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